Die Innsbrucker Zeitung tip 8. Februar 1996

Der Kaiser von China

von Andreas Maislinger

Laut besorgten Meldungen der Neuen Kronen Zeitung wird Österreich
von 120 Nigerianern "überrollt". Was die Nigerianer in Innsbruck
betrifft, habe ich jedoch meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ende
der 80er Jahre unterrichtete ich an der Universität Innsbruck.
Mit einem meiner Studenten, einem Afrikaner, verstand ich mich
besonders gut, und als wir bereits über vieles gesprochen hatten,
fragte ich ihn, neugierig wie ich bin, was sein Vater macht. "He
is a King" - wir sprachen damals Englisch miteinander -, "Er ist
ein König", war seine Antwort. Und mein Vater ist der Kaiser von
China, wollte ich schon erwidern, als sich herausstellte, daß der
Vater von Kadrumba Chimaeze Anyanwu tatsächlich König ist, und
zwar in Nigeria. K.C., wie ihn seine Freunde nennen, wird sein
Nachfolger.

1990 waren seine Eltern in Innsbruck. Die Zeitungen hatten über
die Begegnungen mit dem Bürgermeister und dem Landeshauptmann
berichtet. Das gemeinsame Essen, zu dem mich K.C. eingeladen
hatte, war äußerst aufschlußreich für mich. Unbeeinflußt von den
anderen Gästen im Restaurant sprachen die Eltern mit ihren beiden
Söhnen ein Tischgebet. Bei uns ist das nur noch in wenigen Familien
üblich. Es war aber nicht nur der bei uns kaum mehr anzutreffende
Glauben, der mich faszinierte, sondern auch der Respekt, den die
beiden Söhne Ihren Eltern entgegenbrachten. Und die umfassende
Kenntnis beider Kulturkreise, symbolisiert durch die traditionelle
Kleidung und den Pferdeschwanz als Zeichen seines Amtes auf der
einen und das erwähnte Tischgebet auf der anderen Seite. Obwohl
auch katholisch erzogen, mußte ich eingestehen, daß ich mit meinen
diesbezüglichen Kenntnissen nicht mithalten konnte.

Bei meinen nachfolgenden Begegnungen mit anderen afrikanischen
Studenten habe ich immer wieder ähnliche Erfahrungen gemacht. So
zeigt sich etwa der Respekt, den sie füreinander empfinden, auch in
der Kleidung. Irgendwie gelingt es K.C. und seinen Freunden, immer
elegant angezogen zu sein. Dabei haben sie keineswegs viel Geld.
Durch meine Freundschaft mit K.C. habe ich einen kleinen Einblick
in die Kultur der in Innsbruck studierenden Afrikaner erhalten.
Obwohl ich natürlich nicht alle bei uns lebenden Afrikaner kenne,
freue ich mich immer, ein dunkelfarbiges Gesicht zu sehen. Deshalb
grüße ich auch meist jeden auf der Straße, auch wenn ich ihn nicht
persönlich kenne. Ich freue mich ganz einfach, daß er da ist.

Nicht jeder Afrikaner, den man kennenlernt, ist ein Prinz. Beim
Gedanken an Prinz Charles und anderen "königlichen Hoheiten" der
Regenbogenpresse wäre dies auch nicht in jedem Fall eine Aus-
zeichnung. Selbstverständlich wird auch nicht jeder Afrikaner, dem
sie in Innsbruck begegnen, besondere Qualitäten aufweisen. Nach
meiner Erfahrung ist die Wahrscheinlichkeit jedoch sehr groß.