2. Georg Rendl Symposion "Priester-Mistbeete"
Priesterberufungen im deutschen Sprachraum
St. Georgen bei Salzburg 7.- 10. Oktober 2004
Leitung: Dr. Andreas Maislinger



Literatur



Birgit L. Pirklbauer
Priesteridentität ziwischen Kirche und Gesellschaft
Diskussionsbeiträge aus soziologischer Theorie und Empirie
Universitätsverlag Rudolf Trauner, Linz 1998, S. 193ff.

8.2.1 Entmystifizierung von "Berufung"

Mit dem Wort "Berufung" drückt man alltagssprachlich gerne das Unerklärliche aus. Man verwendet es aber auch, um eine Absicht, die mehr ist als Lust und Laune zu verdeutlichen, um den Charakter von Nachdruck und Klarheit auszudrucken. Der Philosoph, Psychologe und Theologe Marc Oraison sieht irn alltagssprachlichen Begriff der "Berufung" ein sprachliches Konstrukt, das mit einer magischen und mystifizierenden Auffassung vermischt ist.

Oraison stellt bereits 1970 eine entmystifizierende "Grundforderung" für die Verifizierung wie für das Leben einer Berufung auf. (VgI. irn folgenden Oraison 1970:) Sie müsse zweierlei aufweisen: "Die persönliche Zustimmung zu einem wohlerwogenen und anerkannten Wunsch und irgendeine allgemeine Verbindung dieses Wunsches mit den anderen Menschen." (115f) Dazu gehört, daß man den eigenen und den Wunsch der anderen zuverlässig wahrnehmen kann. Mit Hinweis auf die Erkenntnisse der modernen Psychologie findet hier eine Akzentverschiebung hin zur Betonung des sozialen Charakters der Berufung statt. Nicht minder bedeutsam ist, daß nunmehr die Echtheit einer Berufung, ebenfalls mit psychologischer Argumentation, aus mehreren Gründen massiv und grundsätzlich in Frage gestellt wird. Da Oraisons Forderung besonders an die Personen in der Kirche gerichtet ist, die über die Echtheit einer Berufung zum Priesteramt zu entscheiden haben, wendet sie sich an eine sozialisierende Instanz, die sinnweltstiftend wirkt.

Zu einer weiteren "Entmystifizierung des Begriffes 'Berufung"' führten, so der Psychologe Oraison, die Entdeckungen der Tiefenpsychologie über die Entwicklung des affektiven Lebens: Demnach bestehe Berufung, psychologisch betrachtet, letztlich in der Sinn-Suche. (115) "Die Vorstellung einer Art höheren, geheimnisvollen, im voraus alles bestimmenden Wesens, dessen 'Willen' man entdecken muß, ist nicht länger zu halten, gleichviel ob man dieses Wesen als 'göttlich' bezeichnet oder als 'Schicksal' oder als 'Dinge, die in den Sternen stehen'." (36) Oraison interpretiert dieses Resurne als "einen entscheidenden Stoß", den die modeme Psychologie allen mythisch-religiösen Berufungstheorien versetzt. (Ebd.) Das Phänomen der Berufung erhält durch die (tiefen-) psychologische Erklärung eine individualistische Konnotation. Oraison beschreibt den Prozeß des Findens jenes Bereiches, der dem Menschen "für sein Selbstsein die meiste Befriedigung einbringt" als einen individualistischen Suchprozeß des Tuns und bezeichnet diesen Prozeß als "Berufung" im geläufigen Sinn. (28) Oder an anderer Stelle: "Der Drang, sich nach einem bestimmten Bilde zu verwirklichen, ist zweifellos ein wesentliches Element dessen, was man 'Berufung' nennt." (20f) Dieser Berufungsbegriff kommt zugleich ohne das mystische Element des katholischen traditionellen Priesterbildes aus.

Aus dem psychologischen Zusammenhang der Persönlichkeitsstrukturierung mit dem Erleben von Beziehung(en) kann nun die Plausibilität von Abnormitätstheorien über die Entscheidung zum Priesteramt argurnentativ untermauert werden, gestützt durch Einbettung in eine wissenschaftliche Theorie über die affektive Entwicklung der Persönlichkeit, durch sprachliches und kategoriales Erfassen als "neurotische Berufung" (101) sowie durch Verweis auf empirische Daten. Und so entpuppen sich Berufungen mit einem Mal als Vorwände zur Erreichung anderer, in einer affektiven Fehlentwicklung begründeter, (unbewußter) Ziele. Man vermag hier zwar keine empirischen Belege für faktische "Fehl-Berufungen" anzuführen, doch wird auf Teilzusammenhänge und plausible Schlußfolgerungen verwiesen, die allemal Zweifel an der Echtheit von Berufungen hervorzurufen vermögen. Als Beispiel sei die Argumentation um das Streben nach Macht als "Berufungs"-Motiv angeführt:

Gelegentlich entpuppe sich eine Berufung individualpsychologisch als versteckte Herrschaftsansprüche. Der Betreffende vermag den eigenen Wert zu steigern bzw. ein Gefühl der Überlegenheit über den anderen zu erleben. Oraison behauptet: "Es gibt 'Berufungen', die letzten Endes nur eine Antwort auf einen unbewußten egozentrischen Anruf sind ...", weil durch die Verwirklichung der vermeintlichen Berufung Gelegenheit und Vorwand gewonnen werden kann, auf sich selbst zu schauen. (83) Nach einem "weiteren Grundgesetz menschlichen Verhaltens" würden solche "Spezialisten für das Heilige" nach Kastenbildung streben. Diese "Kaste" besitzt Antworten, die alle durch die Unsicherheiten der Existenz aufgeworfenen Fragen "zum Schweigen bringen". (89, 90) Die Zugehörigkeit zur klerikalen "Kaste" als einen "Personenkreis, der über das Heilige verfügt" (91), brachte in der Geschichte hohes Sozialprestige bzw. sozialen Aufstieg. Neben dem eigenen unbewußten Bedürfnis nach Sicherheit locke daher ins Priestertum die Macht, über die ein religiöser Spezialist in der Regel verfügt. "Wer über das Unzugängliche verfügt (es handhaben und gebrauchen kann), wird von den anderen als machtvoll über ihm stehend empfunden", ob er nun Zauberer eines primitiven Stammes, Arzt oder Wissenschafter oder Priester unserer Gesellschaft ist. (93) Mit dem Verweis darauf, daß die Verbindung der Funktionen des "Ältesten" und des "Presbyters" erst für den Anfang des 9. Jahrhunderts vermutet werden, interpretiert Oraison die historische Entwicklung als ein Durchbrechen jener menschlichen Neigung, wieder so etwas wie eine "sakral-soziale" Kaste einzuführen. (104)

Es handle sich um geistliche, psychologische und moralische Macht. Die geist- liche Macht liege in einer Art Bevollmächtigung durch das Heilige bzw. Repräsentanz des Heiligen, die dem Priester die Fähigkeit gibt, den Menschen mit dem Heiligen zu versöhnen. Seine psychologische Macht liege in seiner zugeschriebenen Nähe zur Transzendenz, in seinem Verwalten von Geheimnissen und von dem, was Leben sichert. Spontan äußere sich die psychologische Macht in der Macht, "die sie als Autorität im täglichen Leben ausübt". (94) Sie lege fest, was "in Ordnung" ist bzw. was die richtige Lebensauffassung ist und versuche, ihrer Festlegung absolute Geltung zu verleihen. Die Lehrgebäude christlicher Moral seien ein Ausdruck dessen. Die Kirche beansprucht tatsächlich eine Autorität in sinnrelevanten Fragen der Existenz, und übt sie auch - z. T. in institutionellen Strukturen und Prozessen konkretisiert - aus. In diesem Sinn ist die Thematisierung von Herrschaft und Macht in Analogie zu anderen Institutionen des Sozialgefüges durchaus plausibel, obgleich aus kirchlich-teleologischer Sicht die Ausübung von Autorität immer Dienstcharakter haben soll. (Vgl. die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils LG: 18-29, CD, DV: 7-l2) Das Gesamte von geistlicher, psychologischer und moralischer Macht innerhalb der Kirche neige zur Verbindung mit wirtschaftlicher und politischer Macht. Die Macht neige darüber hinaus mit einer inneren Logik zur Verfestigung. Wenn Oraison schließlich eine "verhängnisvolle Verkettung der christlichen Offenbarung mit der sakralen Denkweise und eine daraus resultierende Ausweglosigkeit" konstatiert, drückt er damit aus, daß für ihn das Phänomen eines ungerechtfertigten Gebrauches von Macht in der katholischen Kirche heute brisant geworden ist. (Oraison 1970: 95)

Die Argumentation vermittelt den Eindruck, das Priestertum bestehe aus Macht-Strebenden, die ihre Machtansprüche durch Kastenbildung abgesichert haben, nicht aus Berufenen. Ausgehend von der Beschreibung möglicher Ein- zelfalle gewinnt die Darstellung einen deskriptiven Charakter betreffend das Priestertum im allgemeinen.

Weitere Zweifel an der Echtheit von Berufungen knüpft Oraison an das Thema Zölibat, wobei sich die Argumentation tiefenpsychologisch um die geglückte Integration der individuellen Sexualität rankt. Die Betrachtungen legen nahe, daß entsprechende Integrationsmängel auf der unbewußten Ebene die Entscheidung zum Priesteramt begünstigen, später aber in der Psyche ihren Tribut fordern und die Unechtheit einer Berufung früher oder später zutage tritt. Diese Feststellung legt auch den Schluß nahe, daß dementsprechend solche "Berufungen" rückgängig gemacht werden können sollten bzw. da dies lt. Kirchenrecht ja der Fall ist, die derzeit "äußerst restriktive Dispenspraxis" für Priester zu extensivieren. (Pree 1991: 240)

An den Zölibat als feste Einrichtung geht Oraison, hier hebt er sich von vielen anderen Theologen ab, nicht mit einer soziologisch-historischen Betrachtungs- weise heran. Aus seiner Sicht hat für die Betrachtung der Probleme mit dem Zölibat die Psychologie vorrangige Bedeutung. Aus psychologischer Sicht sei zwischen einer "neurotischen Berufung" (Oraison 1970: l00) und einem "positiven Zölibat" (102f) zu differenzieren. Die "neurotische Berufung" ist in einer affektiven Unfreiheit begründet. Man will, zumeist unbewußt, den Willen von anderen Menschen erfüllen. Häufig ist die Entwicklung im allgemeinen sexuellen Bereich nicht normal oder unbefriedigend verlaufen. Oraison führt klinische Beobachtungen als Belege an: "Das Vorhandensein eingeschlechtlicher sozialer Gruppen (wie es der Klerus ist, d. Verf.) und ihre offizielle Wertschätzung trägt das normale und unzertrennlich damit verbundene Risiko in sich, einen gewissen Kreis von Menschen anzuziehen, die Bedeutung ihrer eigenen Geschlechtlichkeit nicht richtig einzuordnen verstanden haben." (101)

Gar nicht so selten erwachse die Wahl eines kirchlich-zölibatären Lebens aus einer neurotischen affektiven Beziehung zur Mutter. Später stelle sich diese Wahl als eine vermeintliche Berufung heraus. Einen "positiven Zölibat" könne es nur dort geben, wo eine bewußte, reife Entscheidung dafür fallt, wo Beziehungen nicht entflohen wird, sondern diese gesucht werden, aber auf einer tieferen Ebene als jener der Sexualität. Auf diese Weise können Beziehungen in tiefer, affektiv bereichernder und befriedigender Weise erlebt werden. Der "positive Zölibat" kann nur mit einer affektiven Reife und in einer Freiheit gegenüber Mitmenschen gelebt werden.

Das Priestertum ist nach Oraison nur einer der drei möglichen Wege im Dienste des Bekanntmachens mit Christus, zu dem jeder Christ berufen sei: Ehe, Farnilie, Beruf und soziales Engagement sind ein Weg. Durch Kontemplation, Besitzlosigkeit und Verzicht auf das Sexualleben ist der zweite Weg, die "Berufung zum Ordensleben", gekennzeichnet. (113) Für den dritten Weg sieht er die spezifisch priesterliche Berufung in der "Vergegenwärtigung des Geheimnisses Christi" in Brot und Wein. (104) Hierzu gehöre "weder der ausdrückliche Wunsch nach dem Zölibat noch der Wunsch, auf den Besitz aller irdischen Mittel zu verzichten". (113) Mit dieser Haltung reiht sich Oraison in eine Reihe von Theologen ein, die für die Aufhebung des Zwangszölibats eintreten. Zu ihnen zählen der unter Theologen viel rezipierte Holländer Edward Schillebeeckx, weiters Eugen Drewermann, Peter Neuner, Ferdinand Klostermann u.v.a.m.


Ich danke Frau Dr. Birgit Pirklbauer für die Erlaubnis dieses Kapitel ihrer Dissertation zu dokumentieren. Frau Dr. Pirklbauer hat in einem Telefongespräch am 13. Juli 2004 betont, dass Sie die Meinung von Marc Oraison nicht teilt.
Dr. Andreas Maislinger



 
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